Fotografien zwischen Abbildung und Manipulation

Die Fotografie boomt. Laut Bitcom hat sich die jährliche Menge der weltweit geschossenen Fotos zwischen 2013 und 2017 auf 1,2 Billionen Bilder verdoppelt. Ein Grund dafür ist die immer besser werdende Kameratechnik in Smartphones und das unkomplizierte Teilen von Bildern. Eine Konsequenz daraus ist eine veränderte Form der Kommunikation. Digitale Bilder treten häufig an die Stelle, die früher von Worten eingenommen wurden. Insofern scheint die Fotografie heute eine universale Sprache zu bieten. Die neue Bildlichkeit fußt jedoch tief in den jeweiligen Ursprungskulturen derer, die sie anwenden. Unsere Sehgewohnheiten sind uns zwar häufig nicht bewusst. Sie sind jedoch wie die unbewusste Satzmelodie der Sprache Teil unserer täglich praktizierten Kultur. Was wir zu sehen gewohnt sind, prägt daher, was wir fotografieren, wie wir fotografieren und wie wir Bilder deuten.

Francis Frith: Sphinx und Große Pyramide in Gizeh, 1856/59. Rijksmuseum Amsterdam, Public domain

Als vor 180 Jahren die Fotografie als Technik erstmals möglich und publik wurde, hat sie unser Verhältnis zu Bildern tiefgreifend verändert. War es zuvor Aufgabe und Privileg von Künstlern, Bilder der Welt zu schaffen, trat nach Jahrhunderten eines stabil funktionierenden Kunstmarkts erstmals ein Konkurrent auf. Nie zuvor war es möglich gewesen, derartig präzise Bilder von der Wirklichkeit mittels Physik und Chemie – ganz ohne Pinsel und Stift – zu erzielen. Diese Revolution der Bildmedien legte dar, wie sehr unser Blick auf die Welt zuvor durch die Möglichkeiten von Zeichnung, Malerei und Druckgrafik bedingt war. Sie bot gänzlich neue Sichtweisen auf die Realität – in größtmöglicher Schärfe und Gleichrangigkeit aller Details. Zur Abbildung der Gestirne oder kleinster Mikrostrukturen in der Natur war das nüchterne Auge der Kamera unschlagbar.

Zudem war die Fotografie als Medium der Gegenwart verpflichtet: nur, was sich im Moment der Belichtung vor ihrer Linse befindet, kann das spätere Bild zeigen. Dieser Zeugnis-Charakter der Fotografie machte sie auch juristisch bedeutsam.

Spätestens seit der Entwicklung von Photoshop im Jahr 1990 hat die Fotografie jedoch erheblich an Glaubwürdigkeit eingebüßt. War sie zuvor als Dokumentations- und Beweismittel etabliert, so irritierte fortan allein die Möglichkeit, eine Manipulation nicht mehr entdecken zu können, das Vertrauen der Rezipienten. Der heutige digitale Fotojournalismus sucht sich bisweilen mit der Offenlegung von Rohdaten gegen die Skepsis zu stemmen, alle Bilder seinen manipuliert und manipulativ. Zu häufig hatte die künstlerische Bearbeitung von RAW-Daten Misstrauen in den Charakter des Bildes als möglichst objektiven Augenzeugenbericht gesät. Mit dem Verzicht auf das noch bessere Bild soll das gute Bild wieder an Ansehen gewinnen.

Interessanterweise hat sich unsere Vorstellung von Wahrheit im Bild seit der Frühzeit der Fotografie enorm verändert. Denn schon in den analogen Dunkelkammern der 1840er Jahre wurden Fotos retuschiert. Damals jedoch diente die Maßnahme oftmals der Reduzierung von Detailschärfe etwa in Porträts, um den an malerisch weichen Konturen geschulten Blick der Kundschaft nicht zu vergrätzen. Kleine Schönheitsfehler und Zeichen der Zeit wurden korrigiert. Dennoch galten Fotografien über zwei Generationen nicht als Kunst. Ihr mechanisches Zustandekommen wurde als seelenlos interpretiert: Die Fotografie könne nur die schnöde Wirklichkeit abbilden, Kunst würde jedoch die Wahrheit dahinter abbilden. Um diesen Vorwurf zu entkräften, erfanden Fotopioniere wie Gustave Le Gray die Fotomontage, mit deren Hilfe sie die besten Elemente unterschiedlicher Landschafts-Aufnahmen kaum sichtbar zu einem stimmungsvollen neuen Bild kombinierten.

Gustave Le Gray: Brig Upon the Water, 1856. Staatsgalerie Stuttgart, Foto © Staatsgalerie Stuttgart

Der manipulative Eingriff ins Bild verhalf der Fotografie zu Anerkennung, während er heute als Last oder gar Laster erscheint, wo wir seinem Informationsgehalt vertrauen wollen.

Trotz dieser Schwierigkeiten zeigt die schiere Masse an privaten Bildern unseren Hunger nach dem Festhalten einzelner Momente. Die Fotografie hat den Rahmen von Kunst und Wissenschaft gesprengt und wurde inzwischen zu einer sozialen Praxis. Da die Aufnahme mit dem Smartphone nichts kostet, wird spontan festgehalten und geteilt, was im Moment fasziniert und wenig später bereits vergessen ist. Manches Smartphone erhält daher den Charakter eines impulshaft geführten Tagebuchs, voll persönlicher Snapshots als Mini-Dokumentationen des eigenen Lebens.

Beitragsbild: Paul Henry / Prosper Henry: Der Mond, ca. 1885. Staatsgalerie Stuttgart, Foto © Staatsgalerie Stuttgart