Von der Nymphe zum Pin-up

Im Berlin der 1920er Jahre führte die Sittenpolizei Razzien in geheimen Fotoateliers durch und beschlagnahmte Aktfotografien. In den Galerien und Museen jener Zeit wurden stolz Gemälde einer nackten Venus oder Nymphe gezeigt. Während des Zweiten Weltkriegs wurden die Pin-ups populär. Massenhaft hingen sie in den Spinden der US-Soldaten – daher auch der Name von Englisch „to pin up“ zu Deutsch „anheften“. Die erotischen Bilder illustrierten Zeitschriftencover oder Bücher und fanden darin im Alltagsleben Verbreitung. Die erotisch-pornografischen Fotoaufnahmen von dem bekannten Pin-up-Girl Bettie Page wurden hingegen als obszön wahrgenommen.

Aktfotografien von zumeist Frauen existieren seit der frühen Fotografie, über Jahrzehnte hinweg galten sie aber als anrüchig. In der Malerei wurden dieselben Motive in Ausstellungen öffentlich als Kunstwerke gefeiert.

Im Gegensatz zu der noch jungen Fotografie konnte sich die Malerei im 19. Jahrhundert auf eine lange Tradition berufen. Das gebildete Bürgertum war durch mythologische Szenen der Antike, die als das künstlerische Ideal galt, mit Aktdarstellungen vertraut. Unter dem Deckmantel, keine „gewöhnliche“ Frau abzubilden, sondern ein Wesen antiker Mythologie, ist der weibliche Körper in einem Gemälde wie Ruhende Nymphe von Anselm Feuerbauch aus dem Jahr 1870 ganz selbstverständlich entblößt.

Anonym: Bacchantin, 1850. Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg, Public domain

Eine Fotografie wie die der Bacchantin von 1850 wurde von Zeitgenoss*innen als unsittlich betrachtet – obwohl sie als eine Figur der antiken Mythologie auftritt. Am Tamburin und dem sogenannten Thyrsosstab ist sie als Bacchantin zu erkennen, eine Begleiterin des Weingottes Bacchus. Ein gemalter Körper wird anders wahrgenommen als ein fotografierter: Die Fotografie fängt die Realität „originalgetreu“ ein – in diesem Beispiel eine echte Frau, die sich vor der Kamera entkleidet hat, und nicht ein Motiv aus der Vorstellung antiker Mythologie. Ihre Unmittelbarkeit machte die Aktfotografie damals so anstößig.

Bilder von Nacktheit bedürfen heute keiner Rechtfertigung mehr, wichtige Debatten um die Objektivierung nackter (Frauen-)Körper werden aber seit den 1970er Jahren in der Wissenschaft und immer wieder öffentlich geführt – in der Gegenwart zum Beispiel zur Problematik des Sexismus in der Werbung. Das Thema Bildbearbeitung war bereits zur Einführung der Fotografie und auch zur Ära der Pin-up-Bilder aktuell: In Malerei und Illustration wurde üblicherweise mit Pinsel oder Stift retuschiert – über die frühen „ungeschönten“ fotografischen Aufnahmen sollen sich die Porträtierten daher zunächst beschwert haben. Heute erregt eher das Gegenteil zu auffälliger Fotobearbeitungen Aufsehen. Der Einsatz von Photoshop wird kritisch hinterfragt.

Beitragsbild: Anselm Feuerbach: Ruhende Nymphe, 1870. © Germanisches Nationalmuseum, Nürnberg