Zum Leben erweckte Gemälde

Das vermeintliche Eigenleben von Gemälden wird in Tableaux vivants Wirklichkeit. Die lebenden Bilder – so die deutsche Übersetzung – waren im 19. Jahrhundert ein beliebtes Unterhaltungsprogramm. Darsteller*innen ahmten vor Publikum berühmte Gemälde nach. Möglichst genau wurden Kostüme ausgewählt und Kulissen nachgebildet. Die Herausforderung bestand darin, möglichst starr zu stehen, um den gewünschten bildhaften Eindruck zu vervollständigen. Bei dieser Art der Inszenierung treffen zwei gegenläufige Tendenzen aufeinander: Die Bilder werden durch die Schauspieler*innen „lebendig“, die Schauspieler*innen selbst durch die Regungslosigkeit „verbildlicht“. In abgewandelter Form lässt sich die Tradition des Tableau vivants bis heute in dem Hashtag #peoplematchingartworks oder der vor einigen Jahren viral gegangenen Mannequin-Challenge nachverfolgen.

Seit Erfindung der Fotografie wurden die flüchtigen Spektakel auch festgehalten. Die Fotografie kam hier zum Zweck der Dokumentation zum Einsatz, nicht als eigenständige Kunstform – ein Vorwurf gegen den sich Fotograf*innen sonst gestellt hatten. Das fotografische Fixieren von einmaligen Darbietungen wie den Tableaux vivants ist heute noch üblich. Neben den oben genannten Beispielen ist das Festhalten eines Moments oder einer einmaligen Inszenierung besonders verbreitet in der Performance-Kunst. Die historischen Aufnahmen der Tableaux vivants wurden im Nachgang der Aufführungen als Heliogravüren (ein frühes fotografisches Verfahren) in Alben verkauft und damit anders als heute auch als eigenständiges Werk erfahrbar.

Julia Margaret Cameron: The Parting of Sir Lancelot and Queen Guinevere. © Münchner Stadtmuseum

Häufige Inhalte waren historische Ereignisse, Bibelgeschichten oder Genreszenen mit alltäglichen und/oder häuslichen Szenen aus der Malerei. Die Vorlage bildeten jedoch nicht immer Gemälde. Exotische und neu erfundene Motive wurden in der Art eines Gemäldes arrangiert oder Szenen aus bekannter Literatur, besonders Bühnenstücke, kunstvoll ausgestaltet. Die Tableaux vivants wurden wie beim Theater auf einer Bühne in sogenannten bürgerlichen Salons aufgeführt oder waren Teil von Festspielen und Bällen.

Das dem Tableau vivant verwandte Kostümporträt kam schnell in Mode. In dem noch neuen Medium Fotografie hatte es keine Vorgänger und bediente sich daher ebenfalls an dem reichen Motivschatz der Malerei. Eine Unterscheidung, ob Fotografien der Beteiligten in ihren Kostümen vor Ort bei einer Feierlichkeit oder im Atelier aufgenommen wurden, ist kaum mehr möglich. Durch die Belichtungstechnik der frühen Fotografie mussten die Standbilder vorab oder im Nachhinein erneut eingenommen werden.

Die Künstlichkeit der Inszenierungspraxis und die historischen Motive stehen der Realitätsnähe und Unmittelbarkeit der Fotografie entgegen. Die Fotografie ist der Gegenwart verpflichtet: Sie kann nichts anderes abbilden als das, was sich zum Zeitpunkt der Aufnahme vor ihrer Linse ereignet. Die Malerei hingegen bleibt von diesem Umstand unberührt. Sie kann zeitlich enthoben die Vergangenheit und Zukunft oder reine Fantasie zeigen.

Beitragsbild: Hans Makart: Faust und Margarethe, 1879. © Germanisches Nationalmuseum, Nürnberg