Frühe Selfies

Seit Jahrhunderten malen und zeichnen sich Künstler, mit neuen Medien kamen andere Formen des Selbstporträts hinzu – zuletzt Selfies. Sie gehören mittlerweile zum Alltag und lassen vergessen, dass Selfie-Sticks erst seit circa fünf Jahren in Gebrauch sind. Die Frontkamera gibt es schon länger, davor musste man bei Fotoapparaten umständlich den Selbstauslöser betätigen. Das Bedienen einer Kamera – analog oder digital – erscheint dennoch einfacher als das Anfertigen eines gemalten Porträts.

Die Handarbeit gegenüber der Mechanik hervorzuheben, vernachlässigt die nötige Kunstfertigkeit, die auch Fotograf*innen haben müssen, trifft aber den damaligen Zeitgeist. Fotograf*innen hatten im 19. Jahrhundert einen anderen Stand als ihre malenden Kolleg*innen. Da die Entstehung ihrer Bilder auf chemisch-physikalischen Prozessen beruhte, galten sie vielen nicht als Künstler*in. Dies änderte sich erst um 1900, als sich vor allem Amateurfotograf*innen bemühten, die „Lichtbildnerei“ als Kunstform zu etablieren.

Das gemalte Porträt war zu diesem Zeitpunkt bereits überaus populär und schwer mit Bedeutung aufgeladen: Gemälde, die ihre Betrachter*innen anzustarren schienen, faszinierten so sehr, dass andere Kunstgattungen wie die Literatur, später der Film das vermeintliche Eigenleben der Bildnisse thematisierten. Die plausiblere Erklärung für die eindringlichen Blicke der Porträtierten ist, dass sich die Maler*innen als Hilfsmittel selbst im Spiegel ansahen.

Hans Thoma: Selbstbildnis mit Amor und Tod, 1875. Staatliche Kunsthalle Karlsruhe

Hans Thoma präsentiert sich in seinem Selbstbildnis Amor und Tod so mit ernstem Blick und standesbewusst als Maler: Wie im klassischen Künstlerporträt üblich, hält er den Pinsel in der Hand. Mit dem Schädel und der Darstellung des Liebesgotts Amor greift er auf weitere bekannte Motive der Malerei zurück: Symbole für Tod und Liebe, die Rückschluss auf sein Selbstverständnis als Künstler und seine Lebenssituation zulassen.

Wie Thoma zeigt sich Wilhelm Carl Friedrich Bandelow in seinem fotografischen Selbstporträt mit seinem Arbeitsgerät: der Kamera. Doch anders als sein Malerkollege, der sich in eine lange Tradition von Selbstbildnissen einreihte, gingen Fotografen wie Bandelow spielerischer an das Thema heran. Die Neuheit des Mediums verschaffte ihnen einen Freiraum, in dem auch humorvolle Posen Eingang finden konnten. Daneben belegen Techniken wie die Doppelbelichtung, bei der sich zwei Aufnahmen überlagern, oder ungewöhnliche Blickwinkel die Experimentierfreude der Fotograf*innen. Diese Ausdrucksmöglichkeiten widerlegen den Vorwurf, es handele sich bei der Fotografie um eine rein mechanische Wiedergabe der Realität, nicht aber um ein künstlerisch-gestalterisches Medium.

Beitragsbild: Wilhelm Carl Friedrich Bandelow: Selbstbildnis, 1902. Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg